2. Juni 1975 – der Streik von Lyon: Als Prostituierte Geschichte schrieben

Hinweis: Ich nutze den Begriff „Prostituierte“, weil die Aktivist*innen damals selbst den Begriff nutzten und noch nicht von Sexarbeit sprachen.

Am 2. Juni 1975 besetzten 150 Prostituierte die Kirche Saint Nizier in Lyon. In kleinen Gruppen schlichen sie nacheinander in die Kirche, vorbei an der Polizei, die seit Monaten täglich Geldstrafen verhängte und die Frauen verhaftete. Die sogenannten „Prostituierten-Hotels“ waren zuvor geschlossen worden, wodurch die Frauen keine sicheren Orte mehr hatten, um ihre Kunden zu treffen. Bordelle waren schon länger verboten. Auf die Straße gezwungen, waren sie nun stärker der Gewalt ausgesetzt.

Die Morde an zwei Prostituierten entfachten den Zorn der Frauen. Die Polizei weigerte sich nicht nur, die Morde aufzuklären, sie verstärkte sogar die Repression gegen Prostituierte. Ein Polizist soll zugegeben haben, dass sie täglich 30 Strafen verteilen mussten. Es war eine polizeiliche Jagd auf Prostituierte.

Für die Prostituierten war die Kirche der letzte sichere Ort, an dem die Polizei sie nicht erreichen konnte – ein Ort für Zuflucht und Asyl vor staatlicher Gewalt. 1975 gilt als Beginn der Prostituiertenbewegung. Der „Streik“ der Lyoner Prostituierten war einer der ersten Proteste von Sexarbeiter:innen für ihre Rechte in Europa. Die internationale Presse berichtete über den Protest, wodurch eine neue Politisierung rund um Prostitution entstand. In ganz Frankreich folgten ähnliche Besetzungen und Streiks. „French prostitutes protest for job rights“, titelte der Boston Globe. Andere sprachen von einem „sit-in“, einem Streik und einer Besetzung.

Prostituierte traten als politische Akteurin Erscheinung, formulierten Forderungen und wandten sich an Politiker. Sie wollten mit Präsident Giscard d’Estaing sprechen, der sich als „Präsident aller Franzosen“ dargestellt hatte. Sie schrieben ihm Briefe und prangerten die geltende polizeiliche Praxis an: Nur weil sie einen potentiellen Kunden auf der Straße anlächelten, konnten sie verhaftet werden.

Politiker:innen weigerten sich, mit den Frauen zu sprechen. Die damalige Staatssekretärin für Frauen, Françoise Giroud, lehnte es ab, sich mit dem Thema zu befassen – das Innenministerium sei zuständig. Nach einer Woche ordnete der Präsident die Räumung der Kirche an, an der über 100 Polizisten beteiligt waren. Die New York Times berichtete über Gewalt gegen die führenden Prostituierten, die ins Krankenhaus mussten. Andere verließen die Kirche unter der Drohung des Einsatzes von Polizeihunden. Alleine in Grenoble hätten fünf Priester die Türen verriegelt, um die Prostituierten vor der Polizei zu schützen und ihnen Asyl zu gewähren, so die NYT.

Damals führte hauptsächlich die Kriminalisierung von Zuhälterei und von Anbahnungs-gesprächen (racolage) zur Verfolgung von Prostituierten. Prostitution an sich, also der Verkauf von sexuellen Diensten, war nicht strafbar. Dafür waren aber eine Reihe von Tätigkeiten verboten, die fast unvermeidlich mit dem Verkauf von Sex verbunden waren. Bordelle und die Ausübung der Prostitution in einer Wohnung waren verboten, sodass Prostitution ausschließlich auf der Straße stattfinden konnte. Dort war jedoch wiederum das Ansprechen von potentiellen Kunden verboten, das mit Geld- und Haftstrafen geahndet wurde. Über den Zuhältereiparagraphen war es verboten, die eigenen Kinder mit dem verdienten Geld zu versorgen. Das alles, obwohl Prostitution streng genommen „legal“ war.

Die Prostituierten von Saint Nizier forderten die Abschaffung repressiver Politiken gegen Prostituierte und sahen sich der abolitionistischen Bewegung verbunden, von der sie auch unterstützt wurden. Le Nid – eine abolitionistische Organisation, die heute einen verbitterten Kampf gegen Sexarbeiter:innen führt – war damals eine der Hauptunterstützer des Streiks. Ein Priester, Louis Blanc, war einer der Hauptunterstützer des Protests. Auch wenn Blanc und Le Nid schon damals gegen Prostitution waren, engagierten sie sich dennoch in erster Linie gegen polizeiliche Repression – ein zentraler Unterschied zur heutigen „neo-abolitionistischen“ Bewegung, die Kriminalisierung und Repression billigend in Kauf nimmt. Es dauert 1975 noch mehrere Jahre bis zur endgültigen Spaltung der abolitionistischen Bewegung und Ausgrenzung von Sexarbeiter:innen aus derselben.

„Abolition“ – das hieß damals: Abschaffung aller Gesetze, die gegen Prostituierte genutzt werden (können) – zur Schikane, Entrechtung, Überwachung, Bestrafung, Ausgrenzung. Abgeschafft werden sollten alle Gesetze, die dazu beitrugen, Prostituierte als Menschen und Bürger:innen zweiter Klasse zu behandeln. Das war schon immer das Hauptziel des „Abolitionismus“. In diesem Sinne waren auch die streikenden Prostituierten von Lyon „Abolitionist:innen“.

Prostituierte wollten legal arbeiten, aber keine staatlichen oder kommunalen Bordelle oder Sperrgebiete als einzige Orte, an denen man legal hätte arbeiten dürfen. Sie wollten „Entkriminalisierung“ und Anerkennung von Prostitution als Arbeit. Sie erklärten sich bereit Steuern zu zahlen (was sie heutzutage können und müssen), wenn damit auch ein Recht auf Rente und Sozialversicherung verbunden gewesen wäre (was heute in Frankreich immer noch nicht erreicht ist). Denn so lange der Staat durch Strafen und Steuern an der Prostitution mitverdiente, ohne entsprechende Leistungen zurückzugeben, war er eben nichts anderes als ein „Zuhälter“. Darüber waren sich alle einig.

Die Prostituierten von Saint Nizier beschrieben nicht nur den „Staat als Zuhälter“, sie kritisierten auch die staatliche Definition des Zuhälters. Danach konnten Freund:innen und die Familienmitglieder von Prostituierten als Zuhälter:innen gebrandmarkt und kriminalisiert und – wie sie schrieben – ganze Gemeinschaften zerstört werden. Die eigenen Ehemänner, Partner (ohne :), Freund:innen und erwachsene Kinder wurden oft wegen Zuhälterei verfolgt.

Am Ende des Protests erfuhr der Begriff des Zuhälters eine weitere, neue Umdeutung. Der Innenminister Michel Poniatowski hatte die Räumung der besetzten Kirchen angeordnet, weil sie angeblich durch „Zuhälter“ angeordnet war.

Und so begann nicht nur die lange und schwierige Geschichte der Prostituiertenbewegung, sondern auch die Geschichte ihrer Bekämpfung und Diskreditierung. Doch wenn es damals noch Innenminister waren, die politisierte Prostituierte als Zuhälter oder als Marionetten von Zuhältern diskreditierten, um die Frauen mit Polizeigewalt an einem Protest zu hindern, so sind das heute Frauenorganisationen. Manche beanspruchen sogar das Label „Feminismus“ für sich, wenn sie Sexarbeiter:innen als „Zuhälter“ oder „Zuhälterlobby“ beschreiben, um sie öffentlich zu delegitimieren und anzugreifen. Dass dabei der Staat, seine ungerechten und diskriminierenden Gesetze sowie seine Profite aus der Prostitution völlig unsichtbar bleiben, ist wohl Teil des Deals!

Jedes Jahr am 2. Juni protestieren Sexarbeitende gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Kriminalisierung. Seit einigen Jahren protestieren sie gegen das „Nordische Modell“, denn auch dieses Modell bringt letztlich nur Repression. Es ist Zeit, endlich hinzuhören.

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