
Sonja Dolinsek
Heute las ich mal wieder in den Kommentaren einer Sexarbeitenden (@callmebendix) auf Insta. Ein Mann, Daniel Danzer, hatte sich eingemischt und meinte: „Ich frage mich bei den Sexarbeitsverbänden und deinen Texten hier, ob das nicht eine sehr privilegierte Position ist“.
Hier ist er wieder: Der Privileg-Vorwurf, geäußert von einem privilegierten weißen deutschen Mann, der offenbar Sexarbeitende nicht ernst nehmen will. Der Vorwurf wird seit Jahren immer wieder gebesmühlenartig rezitiert, in der Regel gegen Sexarbeitende. Was steckt dahinter?
Der Vorwurf des „Privilegs“ gegen aktive Sexarbeitende ist nicht nur eine perfide politische Strategie, sondern offenbart auch klare Doppelstandards. Es irritiert mich zutiefst: Wenn das erklärte Ziel doch ist, Zwangsprostitution und Ausbeutung zu bekämpfen, warum gibt es so viel Abwehr gegen diejenigen, die selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig sind? Wer ernsthaft gegen Zwang und Ausbeutung ist, müsste doch konsequent für mehr selbstbestimmte Sexarbeit eintreten. Wer ernsthaft gegen Zwang und Ausbeutung ist, müsste sich doch für mehr Rechte und Schutz derjenigen einsetzen, die freiwillig in dieser Branche arbeiten. Wer ernsthaft gegen Zwang und Ausbeutung ist, müsste verstehen und akzeptieren, dass auch diese angeblich so „privilegierten“ Sexarbeitenden Ergebnis legaler Sexarbeit sind. Und davon braucht es mehr und nicht weniger? Oder wie viele der ach-so-privilegierten Sexarbeitenden gibt es in Ländern mti Nordischem Verbot?
Doch statt Solidarität begegnet selbstbestimmten Sexarbeitenden in Deutschland oft der Vorwurf, sie seien „privilegiert“. Dieser Vorwurf dient in Wahrheit dazu, ihre Stimmen zu delegitimieren. Wer keine Geschichte von Gewalt oder Zwang erzählen kann oder will, wird als unglaubwürdig abgetan.
Es ist fast so, als könne man als Prostituierte nur mitreden, wenn man Gewalt erfahren hat und bereit ist, darüber explizit mit ganz vielen Details zu sprechen. Es scheint fast so zu sein als sei Gewalterfahrung eine Bedingungen für demokratische Teilhabe. Da denke ich mir als Feministin – „Excuse me – what?“ Das läuft doch auch darauf hinaus, dass wir allen Sexarbeitenden Gewalt wünschen, dass wir Gewalt als Normalität akzeptieren. Gewalt aber ist nicht normal, auch nicht in der Sexarbeit!!!
Der Vorwurf des „Privilegs“ trifft vor allem diejenigen, die sich politisch für ihre Rechte engagieren, die öffentlich sprechen. Aber Sexarbeitende, die sich aktiv in die Debatte einbringen, werden behandelt, als hätten sie kein Recht dazu. Doch wir leben in einer Demokratie, in der politische Mitsprache für alle gilt – auch für Sexarbeitende. Trotzdem wird ihnen oft das Recht abgesprochen, ihre eigenen Perspektiven einzubringen. Was für Nicht-Sexarbeitende zur Bezeichnung „Influencerin“ führt, ist bei Sexarbeit Grund für Ablehnung und Diskreditierung. Es ist ein krasser Doppelstandard!
Hinter dem „Privileg“-Vorwurf steckt allerdings eine bewusste Strategie, die mit der Kampagne für das „Nordische Verbot“ zusammenhängt. Sie hat eine perfide Wirkung: Wer keine Gewaltgeschichte erzählen kann oder will, wird als nicht repräsentativ oder gar irrelevant abgestempelt. Es entsteht der Eindruck, dass Sexarbeitende erst Gewalt erleben müssten, um überhaupt ernst genommen zu werden. Dadurch wird subtil vermittelt, dass nur diejenigen, die sich als Opfer darstellen, in der Debatte eine legitime Stimme haben. Diese Unterteilung in „gute“ (gewaltbetroffene) und „schlechte“ (selbstbestimmte) Sexarbeiter*innen dient letztlich dazu, die selbstbestimmten Stimmen zu delegitimieren und auszublenden. So wird der Weg frei gemacht für Gesetze und Verbote, die alle Sexarbeitenden betreffen – selbst diejenigen, die freiwillig arbeiten. Am Ende stehen alle schlechter da!
Außerdem: Was für ein „Privileg“ ist es, in einem Beruf zu arbeiten, der ständig von Kriminalisierung und Verboten bedroht ist? Sexarbeitende leben in der ständigen Angst, ihren Lebensunterhalt zu verlieren oder kriminalisiert zu werden. Was ist es für ein Privileg, ständig in Diskusionen verwickelt zu werden, in denen der Vorwurf lautet: „Du hast nicht genug Gewalt erlebt, um sprechen zu können“? Der Vorwurf des „Privilegs“ wird hier zur Farce, denn die Bedrohungen und die anhaltende gesellschaftliche Stigmatisierung, denen Sexarbeitende ausgesetzt sind, machen es lächerlich, ihre Stellung als „privilegiert“ darzustellen.
Besonders bezeichnend wird diese Doppelmoral im Vergleich zu einer Person wie Huschke Mau. Mau arbeitete während ihres Studiums als Sexarbeiterin (sie lehnt diesen Begriff allerdings ab) und ist seit über zehn Jahren eine prominente Stimme in den Medien. Sie entspricht dem Klischee der „priviligierten deutschen Studentin“, die sie durch Sexarbeit ein Studium finanziert. Doch anstatt als „privilegiert“ gebrandmarkt zu werden, wird Mau akzeptiert, weil sie nun gegen legale Sexarbeit kämpft und offen über ihre Gewalterfahrungen spricht. Sie bedient das Narrativ der „erlösten“ Frau, die sich von der Sexarbeit distanziert hat, die ihre Prostitution (in typisch christlicher Manier) „bereut“.
Der Kontrast zu anderen Sexarbeitenden, die sich für ihre Rechte einsetzen, könnte nicht größer sein. Diese Stimmen werden als „privilegiert“ abgetan und marginalisiert, während Mau als glaubwürdige Vertreterin der Debatte gilt, obwohl sie ebenfalls nicht repräsentativ für die gesamte Bandbreite der Sexarbeit ist. Das zeigt die tiefe Verachtung gegenüber Sexarbeitenden, die sich durch die Gesellschaft zieht: Nur eine Ex-Sexarbeiterin, die sich von ihrer Vergangenheit lossagt und diese bereut, wird in die Gesellschaft wieder aufgenommen. Diese Doppelmoral offenbart, dass es nicht darum geht, die Lebensbedingungen von Sexarbeitenden zu verbessern. Vielmehr soll das Stigma erhalten bleiben und Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind, weiterhin verurteilt und ausgegrenzt werden.
Im Kern zeigt der Vorwurf des „Privilegs“ gegen aktive Sexarbeitende in Kombination mit der Anerkennung von Personen wie Huschke Mau, worum es in der aktuellen Debatte wirklich geht. Es geht nicht um den Schutz der Schwächsten oder um die Bekämpfung von Gewalt in der Sexarbeit. Es geht darum, Sexarbeit weiterhin als moralisch verwerflich darzustellen und diejenigen, die selbstbestimmt in dieser Branche arbeiten, zum Schweigen zu bringen. Wenn die Gesellschaft wirklich daran interessiert wäre, Zwangsprostitution zu bekämpfen, müsste sie sich darauf konzentrieren, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Rechte von Sexarbeitenden zu stärken – nicht, sie zu kriminalisieren oder ihre Stimmen zu unterdrücken.
Man stelle sich nun einen Vergleich mit Gewerkschaften oder Frauenorganisationen vor. Was wäre, wenn man die wortgewandten, öffentlich sprechenden Vertreter*innen dieser Organisationen als „privilegiert“ abtun würde, nur weil sie angeblich nicht die gesamte Masse repräsentierten? Sofort würde klar werden, wie problematisch, anti-demokratisch und letztlich auch rechts dieses Argument ist. Es ist doch selbstverständlich, dass diejenigen, die am besten in der Lage sind, sich öffentlich zu äußern, dies auch tun. Das stellt ihre Legitimität nicht infrage. Weder in einer Gewerkschaft noch bei Sexarbeitenden. Politische Mitsprache und Organisation sind Grundrechte in einer Demokratie – für alle, unabhängig davon, ob sie eloquent oder repräsentativ sind.
Letztlich geht es in der Debatte nicht um Schutz, sondern um Kontrolle. Wenn die Stimmen derjenigen, die selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig sind, unterdrückt werden, geschieht dies nicht im Interesse von Gerechtigkeit oder Feminismus, sondern im Interesse der Macht, Menschen weiterhin zu stigmatisieren. Der „Privileg“-Vorwurf ist ein Instrument, um die Sexarbeitenden aus der politischen Mitsprache auszuschließen und ihre Position weiter zu marginalisieren.
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