von Sonja Dolinsek
Was langjährige Beziehungen zwischen Sexarbeitenden und ihren Kunden in Schweden über die Realität kommerzieller Sexualität verraten.
In der politischen Debatte um Sexarbeit in Schweden gilt eines als unumstößlich: Intimität und bezahlter Sex schließen sich aus. Das staatlich verankerte Ziel, Sexarbeit zu bekämpfen, basiert auf der Annahme, dass die Bezahlung sexueller Dienstleistungen immer Ausdruck männlicher Gewalt gegen Frauen sei – ein Relikt patriarchaler Machtverhältnisse, das mit echter Nähe nichts zu tun haben könne. Eine Studie von Ylva Grönvall, Charlotta Holmström und Lars Plantin wirft jedoch einen näheren Blick auf diese Vorstellung – und zeigt, wie komplex und widersprüchlich Intimität in längerfristigen bezahlten sexuellen Beziehungen sein kann.
Die Forscher*innen haben vor einigen Jahren 23 Männer in Schweden interviewt, die regelmäßig für sexuelle Dienstleistungen bezahlen – meist von derselben Frau, über Monate oder sogar Jahre hinweg. Das Ergebnis: Vielen dieser Männer geht es nicht in erster Linie um sexuelle Befriedigung, sondern um Nähe, Vertrautheit, Kommunikation – kurz: um Intimität. Manche beschreiben die Treffen als „freundschaftlich“, andere träumen offen von einer romantischen Beziehung. Für manche wird der bezahlte Kontakt zu einer Art Ersatzpartnerschaft: Man geht zusammen essen, verbringt den Abend miteinander, schläft nebeneinander ein. In diesen Beziehungen steht oft nicht nur der Körperkontakt im Mittelpunkt – es geht auch darum, gesehen zu werden, miteinander zu reden, emotionale Anerkennung zu bekommen.
Ein zentrales Thema, das sich durch viele der Interviews zieht, ist das Bedürfnis, für die Prostituierte „mehr“ zu sein als ein Kunde – der Erste des Tages, vielleicht der Einzige, jemand, mit dem sie sich gerne trifft. Für einige Männer wird dieses Gefühl durch bestimmte Signale genährt: zum Beispiel, wenn die Frau bei ihm übernachtet, ihn zu sich nach Hause einlädt oder auch den Preis reduziert. Hier geht es nicht nur um Sex, sondern auch um symbolische Aufwertung – ein Deal, bei dem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, zur Währung wird. Die Geldfrage bleibt dabei präsent, denn viele Männer wissen, dass die emotionale Bindung, die sie empfinden, auch eine Inszenierung sein kann – eine gekaufte Erfahrung von Intimität, die jederzeit enden kann, wenn das Geld nicht mehr fließt. Die Forscher*innen sprechen in diesem Zusammenhang von „emodities“: Gefühle, die nicht nur erlebt, sondern auch gehandelt, verkauft und inszeniert werden. Die Grenze zwischen echtem Gefühl und „guter Performance“ ist fließend.
Manche Männer versuchen, die kommerzielle Dimension durch alternative Formen der Bezahlung zu verschleiern: Geschenke, Restaurantbesuche, monatliche Unterstützungszahlungen. Diese Formen der „versteckten Bezahlung“ sind nicht nur symbolisch aufgeladen, sie verschieben auch die Machtverhältnisse – und machen die Beziehung komplizierter. Denn wer zahlt, fühlt sich oft auch verantwortlich. Einige Befragte berichteten, dass sie ihre Finanzen um die Unterstützung ihrer Sexualpartnerin herumplanen oder sich verpflichtet fühlen, ihren Lebensstandard zu sichern.
Was sagt diese Studie über das schwedische Vergütungsverbot für sexuelle Dienstleistungen? Sie zeigt, dass sich Nähe, Sex und Geld nicht so klar trennen lassen, wie es das Gesetz und die Kampagne für das Nordische Prostitutionsverbot suggerieren. Emotionale Bindungen entstehen auch in kommerziellen Kontexten – gerade weil es dort Raum für ausgehandelte Rollen, gegenseitige Erwartungen und gemeinsame Routinen gibt. Der Wunsch nach Intimität ist nicht das Gegenteil von Bezahlung für sexuelle Dienstleistungen, sondern oft deren treibende Kraft. Das macht die politische Verurteilung bezahlter sexueller Beziehungen als per se gewalttätig und ausbeuterisch nicht nur analytisch fragwürdig, sondern auch praktisch gefährlich. Denn ein Gesetz, das die Bezahlung sexueller Dienstleistungen grundsäzlich unter Strafe stellt, ignoriert die Lebensrealitäten und Perspektiven der Betroffenen. Sie zwingt sie in eine Sphäre des Verborgenen, kriminalisiert Beziehungsformen, die emotional bedeutsam sein können und verhindert genau jene Aushandlungsprozesse, die für viele Menschen – Kund*innen wie Anbieter*innen – zu einem respektvollen Umgang gehören.
Die Studie von Grönvall et al. stellt nicht romantisierend dar, dass alle bezahlten sexuellen Beziehungen „echt“ oder „gleichberechtigt“ sind. Sie zeigt vielmehr, dass Intimität, Macht, Geld und Emotionen in einem komplexen Verhältnis zueinander stehen – auch und gerade in langfristigen bezahlten Beziehungen. Wer wirklich etwas gegen Ausbeutung und Gewalt in der Sexarbeit tun will, muss diese Komplexität anerkennen. Und wer Menschen in ihrer emotionalen und sexuellen Selbstbestimmung ernst nimmt, muss aufhören, sie für ihre Nähe- und Beziehungsformen zu bestrafen. Ein Verbot hebt diese Realitäten nicht auf. Es macht sie nur unsichtbar – und gefährlicher.
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Die Studie: Grönvall, Ylva, Charlotta Holmström, and Lars Plantin. 2022. ‘The Construction of Intimacy in Long-Term Commercial Relationships in Sweden’. Culture, Health & Sexuality 24 (4). Taylor & Francis: 451–65. doi:10.1080/13691058.2020.1857844.
*Anmerkung zu Begrifflichkeiten: Ich nutze den Begriff „Vergütungsverbot“, um die Kriminalisierung der Kundschaft zu beschreiben, denn aus der Perspektive der Sexarbeitenden ist das sogenannte „Sexkaufverbot“ ein Vergütungsverbot für Arbeit und damit eine Entrechtung.
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