Das Nordische Modell ist gescheitert, aber Klöckner will es trotzdem

Sie ist wieder da: die politische Debatte über ein Verbot der Prostitution. Natürlich sagen die Befürworter:innen eines Verbots das nicht so direkt.

So bezeichnete Julia Klöckner Deutschland am 8. November 2025 als „Puff Europas” und forderte ein Verbot. Die Gesundheitsministerin Nina Warken sekundierte ihr. Das sind starke Forderungen. Doch die Politik braucht belastbare Fakten, saubere Begriffe und einen Blick auf die Folgen. Genau daran fehlt es.

Beide sprechen von einem neuen Modell, das angeblich Wunder wirkt und viel besser als der deutsche Ansatz der Legalisierung sei. Dieses „Nordische Modell” ist jedoch keines, da es von zwei nordischen Ländern (Dänemark und Finnland) bereits abgelehnt wurde. Aber was soll’s, für ein bisschen Werbung verstellen manche Politiker:innen gerne die Tatsachen. Das tun sie zum Beispiel bei den Zahlen, die manche Journalist*innen im Eifer des Gefechts nicht mehr prüfen – es wird schon stimmen, denken sie. Oder sie haben schlichtweg keine Zeit für den ärgerlichen Faktencheck. Womöglich müsste man den Text neu schreiben. Aber wer interessiert sich schon für Prostitution? Das fällt nicht auf.

Die Kampagne für ein Verbot der Prostitution ist gut organisiert. Seit Jahren stützt sie sich auf schockierende Zahlen, die jedoch nie empirisch erhoben wurden. Angeblich schwankt die Zahl der Prostituierten in Deutschland zwischen 200.000 und 400.000; manche Quellen sprechen sogar von einer Million. Die Befürworter:innen eines Verbots haben es gegenüber der Presse sehr leicht. In der Regel treffen sie auf Journalist:innen, die sich mit dem Thema nicht auskennen und sich leicht beeindrucken lassen.

Vor allem, wenn dann von angeblich 90 % unfreiwilliger Prostitution die Rede ist, ist der Kampf um Fakten verloren. Diese Zahl ist nicht zu belegen, aber auch nicht zu widerlegen, denn dafür müsste man wissen, wie viele Sexarbeiter:innen es gibt und wie viele von ihnen unfreiwillig tätig sind. Das wissen wir aber nicht. Wir kennen nur das Hellfeld. Das sind Anmeldungen als Prostituierte und Verfahren wegen Menschenhandels. Rechnet man diese Zahlen gegeneinander auf, kommt man auf weniger als 2 % Betroffene von Menschenhandel. Klar, an der Rechnung kann man vieles schwierig finden. Aber immerhin liegen ihr empirisch gesicherte Zahlen zugrunde. Den anderen liegt nur eines zugrunde: Fantasie.

2% – das hat kaum Schockpotenzial. Also zitiert man erfundene Zahlen und schreibt sie – nach wie vor unkommentiert und ungeprüft – den Verbotsorganisationen zu, den Wahrheits- und Sorgfaltsanforderungen des Pressekodex zum Trotz.