Am 3. April 2026 eröffnete die Bundeskunsthalle in Bonn eine Ausstellung zur „Kulturgeschichte der Sexarbeit“. Teilweise baut die Ausstellung auf einer vor zwei Jahren im Schwulen Museum in Berlin gezeigten Ausstellung auf. Diese Ausstellung habe ich damals gesehen, die neue Ausstellung noch nicht. Da es nun eine Kampagne der Lobby für die Re-Kriminalisierung der Sexarbeit gibt, die sich über die Ausstellung beschwert, sehe ich mich gezwungen, darüber auch zu schreiben, denn was die Verbotslobby wieder ins Netz kippt, darf nicht unwidersprochen stehenbleiben.

Es war von Anfang an klar, dass sie es nicht wahrhaben wollen. Die EMMA, der SPIEGEL, die Menschen, die immer noch an das Märchen des Nordischen Verbots glauben. Es war klar, dass sie Sexarbeit niemals respektieren werden. Dass Prostituierte bzw. Sexarbeitende für sie nur dann als Menschen gelten, wenn sie mit dieser Arbeit aufgehört haben. Und eigentlich auch dann nur, wenn sie anschließend in klassisch christlicher Bußpose öffentlich Abbitte leisten, aber vor allem ihr Leid öffentlich zur Schau stellen, dafür Geld bekommen, also letztlich doch wieder Sex(arbeit) verkaufen – nur halt nicht an Männer, sondern an die Prostitutionsgegner*innen. Aber Hauptsache, sie verkaufen keinen Sex an Männer.
Dass die EMMA sich wieder einmal in einem hurenfeindlichen, nein, wir sind hier politisch korrekt, in einem sexarbeitsfeindlichen Wutanfall ergeht, überrascht niemanden. Dass der SPIEGEL denselben Reflex zeigt, eigentlich auch nicht. Dort hat man den „Huren“ (beim Spiegel nennt es nicht Sexarbeit) spätestens seit 2013, und auf jeden Fall wieder 2023, den Krieg erklärt. Zurück in die Illegalität sollen sie, die Sexarbeitenden, pardon, die *****, rechtlich schlechter gestellt werden sollen sie; entrechtet, diszipliniert, damit sie endlich genug „freiwillige“ Lust entwickeln, ihr Brot in der Reinigungsbranche, in der Pflege, in der Landwirtschaft oder gleich in den Privathaushalten von SPIEGEL- und EMMA-Journalist*innen zu verdienen. Das Geld mag am Ende aus denselben Taschen kommen wie zuvor in der Sexarbeit – aber dieses Mal aus der Tasche der Frauen, nicht der Männer. Die deutsche Mittelschichtsfrau kann sich dann wenigstens einreden, sie habe moralisch das Richtige getan und keine Frauen aus Osteuropa ausgebeutet. Oder zumindest etwas nicht ganz so Hässliches unterstützt, wie sie glaubt, dass Sexarbeit ist.
Aber vielleicht wollen sie nicht mal das. Alice Schwarzer, die inzwischen so weit rechts gerückt ist, dass sie sogar Alice Weidel als Kanzlerin fast schon positiv bewertet, schafft es bei Prostitution dann doch immer wieder, als Heilige dazustehen, die den „armen Frauen aus Osteuropa“ doch nur helfen will. Vergeblich sucht man nach echten sozialpolitischen Maßnahmen. Wer sich ein paar mehr Gedanken darüber macht, wie die Hilfe einer Sympathisantin einer rechtsextremen Partei in der Realität aussieht, versteht vielleicht, dass hier keinen Frauen geholfen werden soll. Auch die Bundestagspräsidentin Klöckner, die sich immer entrüstet, wenn es um Prostitution, zeigt bei anderen Themen eigentlich ganz konsequent, wie egal es ihr ist, wie es Menschen geht. Selbst in ihrer Rede anlässlich des „Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ist sie sich nicht zu schade, das Gedenken für einen Seitenhieb gegen „Identitäten und Zugehörigkeiten“. Sie sagte: „Wenn wir uns heute zunehmend über Identitäten und Zugehörigkeiten definieren, verwischen wir das, was Artikel 1 in seinem Kern schützt: nicht die Gruppe, nicht ein Kollektiv, sondern das Individuum! Artikel 1 schützt den einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit und in seiner Verletzlichkeit. Denn gerade die Shoa hat gezeigt, wohin es führt, wenn Menschen nur noch als Teil eines Kollektivs gesehen werden – als Nummer, als Kategorie. Aber das Grundgesetz setzt dagegen: Jeder Mensch zählt. Als Individuum.“
Ja, jeder Mensch zählt. Als Individuum. Aber offenbar nicht, wenn dieser Mensch Sexarbeit ausübt, dann zählen sie offenber weniger. Wenn sie dazu noch arm oder aus dem Ausland kommen, dann wird es noch schwieriger mit der gleichen Menschlichkeit. Das haben wir in den Debatten über Grundsicherung, psychische Gesundheit und Migration immer wieder gesehen. Die Verbotslobby sagt immer, dass das nordische Modell ganz viel Geld bringt und dann die Frauen beim Ausstieg unterstützt werden. Nun. Man muss entweder naiv sein oder lügen, um so was zu sagen. Denn: Für die Migrant*innen aus dem Ausland wird es nichts geben.
Die Sexarbeitenden aus dem Ausland dürfen dann nämlich nach Hause gehen, denn „Grundsicherung“ erhalten sie hier ganz sicher keine, zummindest nicht bevor sie Jahre lang hier legal gerarbeitet haben. Aber wenn Prostitution mal verboten ist, dann arbeiten sie ja nicht mehr legal. Schwupp, ein weiteres Migrationsproblem gelöst: Diesen Frauen ist ein langfristiger Augenthalt in Deutschland samt sozialer Absicherung verwehrt.
Natürlich kann man dann aus dem Elfenbeinturm, pardon, dem Kölner Bayenturm, herabschauen auf die Frauen aus dem „Ghetto“ (die nutzen diesen Begriff wirklich!!!), die auch für die EMMA letztlich nur Instrumente sind im Kampf gegen die legale Sexarbeit. Objekte, deren Leid schamlos ausgebeutet wird, nur um sie dann wieder auf die Straße zu werfen: metaphorisch und wortwörtlich. Dass die Arbeitsbedingungen in Deutschland allemal besser sind als auf den Straßen Spaniens, Italiens oder Bulgariens, wollen sie natürlich nicht hören.
Prostitution ist Gewalt, sagen sie, verharmlosen damit aber tatsächlich reale Gewalt. Wenn Prostitution immer Gewalt ist, macht es halt keinen Unterschied, ob man im warmen Zimmer arbeitet, Kolleg*innen hat, einen Sicherheitsknopf und einen Sicherheitsdienst oder ob man in einem feuchten Keller, in einer düftigen Absteige, im Freien oder wirklich einfach nur im Wald Sexarbeit ausübt. Man muss schon arg den Kompass verloren haben, um letzteres – die Regel in Ländern mit nordischem Verbotsmodell – zu bevorzugen.
Zurück zum Thema: Die SPIEGEL-Autorin Ulrike Knöfel kann ihr Unbehagen über den Slogan im ersten Ausstellungsraum kaum verbergen:
„Sex Work is Honest Work“ – Sexarbeit ist ehrliche Arbeit. Es klingt, als sei Prostitution ein Job wie jeder andere auch, vielleicht sogar ein besserer.
Ja, Frau Knöfel, man, sorry, frau könnte sich fragen, warum Sexarbeitende gerade diese Botschaft so prominent platzieren. Frau könnte versuchen zu verstehen, was es bedeutet, wenn eine Tätigkeit gesellschaftlich bis heute als unanständig, unehrlich, moralisch minderwertig markiert wird. Frau könnte. Sie tut es aber nicht. Sie entscheiden sich stattdessen für die böswilligste Lesart, machen den Satz lächerlich und mit ihm gleich die Menschen, die ihn formuliert haben. Es ist falls so als fühlte sich frau irgendwie angegriffen dadurch, dass andere (überwiegend) Frauen die Sexarbeit nicht abschaffen wollen, sondern sie anerkennen.
Später gibt sich Knöfel dann noch historisch klug und analytisch. Nur ausgerechnet hier, an der entscheidenden Stelle, sucht man vergeblich nach Neugier und einer auch nur ansatzweisen Bereitschaft, sich mit der alten, überholten und übrigens auch frauenfeindlichen Vorstellung auseinanderzusetzen, Prostitution sei per se etwas Unehrliches, ja, unehrenhaft. Die Ehre der Frau misst sich ja, das weiß man als Historikerin, an ihrem keuschen Sexualverhalten. Zurück in die erzwungene Monogamie also, oder, Frau Knöfel? Genau darum geht es doch: Sexarbeit ist bis heute weder als Arbeit noch als „ehrliche“ Arbeit anerkannt. Sonst würde eine SPIEGEL-Journalistin bei diesem Satz nicht derart die Fassung verlieren, sondern sich dem Thema mit einem Mindestmaß an Sachlichkeit nähern. Offenbar hat die Ausstellung den wunden Punkt gut getroffen.
Aber wir wissen ja, wes Geistes Kind der SPIEGEL in dieser Frage ist: Dort hasst man Sexarbeit, hasst Sexarbeitende und hasst alle, die kein Verbot wollen. Die Zuschreibung von Hass, das muss ich jetzt mit Blick auf die Meinungsfreiheit und jedwede rechtliche Konsequenzen meiner Aussagen sagen, ist natürlich meine und rein subjektiv, aber eigentlich, nein: Sie lässt sich auch empirisch gut belegen. Für diesen Hass opfert man notfalls jedenfalls noch den letzten Rest journalistischer Standards. Einseitige Berichterstattung als Mission? Das ist nicht nur NIUS, das ist auch der SPIEGEL.
Dieser Spiegel-Text ist nun mal wieder keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Sexarbeit, mit der Ausstellung und schon gar nicht mit den Botschaften der Sexarbeitenden. Das interessiert schlicht nicht. Stattdessen wird die Gelegenheit genutzt, die ewig gleichen Lügen zu recyceln: Deutschland als angeblich einzigartig katastrophaler Höllenraum, das „Nordische Modell“ als angeblich zivilisatorisches Märchenland, wo es immer nur Einzelfälle sind, wenn wieder ein Zuhälter gefasst wird oder ein Mann seine Frau gegen Geld vergewaltigen lässt. Einzelfälle, die doch belegen, dass das Nordische Modell so wunderbar funktioniert. Immer dieselbe Erzählung, immer dieselbe Ideologie, immer dieselbe Realitätsverweigerung.
Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Verbotslobby zunehmend gereizt darauf reagiert, dass die wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes eher zu positiven als zu apokalyptischen Schlüssen gekommen ist.
Natürlich erwähnt Frau Knöfel diese Evaluation nicht. Das passt nicht ins Weltbild, also wird es ignoriert. Genauso wenig erwähnt sie die zahlreichen Studien, die längst zu dem Ergebnis gekommen sind, dass das sogenannte Nordische Modell mehr Schaden anrichtet als Nutzen, Prostituierte schlechter stellt und Sexarbeit keineswegs beendet, sondern allenfalls verdrängt und gefährlicher macht. Aber genau solche Erkenntnisse will die Verbotslobby nicht hören. Seit 2013 führt sie einen dogmatischen, kritikresistenten Kreuzzug gegen die legale Prostitution – und folgerichtig auch gegen die Sexarbeitenden selbst. Man betet immer den gleichen Satz nach „ES WERDEN NUR DIE FREIER BESTRAFT, NICHT DIE PROSTITUIERTEN“. Was für eine Lüge! Ja, auch Sexarbeitende werden bestraft. Ja, sie werden rechtlos, denn ein Sexkaufverbot ist ein Vergütungsverbot. Sie haben also kein Anrecht mehr auf Ihren Lohn. In welcher Welt ist ein Lohnverbot feministisch?
Ausgesprochen wird das so natürlich nie. Man gibt sich raffinierter, kapert in typisch rechtspopulistischer Manier progressive Slogans und verdreht sie komplett. Man sei ja nur gegen die Freier, gegen die bösen Männer, die für Sex bezahlen. Nun ja: Das sind übrigens oft genug genau die Männer, mit denen diese Frauen privat ganz selbstverständlich zu tun haben – nur eben ohne es wissen zu wollen.
Und rein hypothetisch gesprochen: Ich könnte einer Prostitutionsgegnerin die bittere Ironie kaum verdenken, wenn ausgerechnet ein ihr nahestehender Mann wegen Sexkaufs strafrechtlich belangt würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade in einem Umfeld, das Sexarbeit tabuisiert, sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen werden, ist nämlich außerordentlich hoch.
Mein Leserinnenbrief an den SPIEGEL:
Sehr geehrte Redaktion,
der Text des SPIEGEL zur Ausstellung „Kulturgeschichte der Sexarbeit“ mit der Frage „Erfüllt Prostitution menschliche Bedürfnisse?“ hat mich enttäuscht. Er wirkt nicht wie der Versuch, sich ernsthaft mit Sexarbeit und den Perspektiven von Sexarbeitenden auseinanderzusetzen, sondern wie ein politisch bereits festgelegter Beitrag, dem vor allem der Respekt gegenüber den Betroffenen fehlt. Dass endlich Sexarbeitende entscheiden, wie eine Ausstellung über den historischen Umgang mit ihnen aussieht, ist ein historisches Novum, eine Errungenschaft, die es zu würdigen gilt. Als Historikerin finde ich das Halbwissen, das die Autorin aufbereitet, weil sie Sexarbeit nicht als „ehrliche Arbeit“ anerkennen mag, äußerst problematisch. Offenbar versteht die Autorin nicht, wie tief die Vorstellung sitzt, sonst hätte sie möglicherweise ihre eigenen Vorurteile reflektieren können. Schon alleine, dass der Teaser von einer Kulturgeschichte des „Sexkaufs“ schreibt, zeigt, wie tief der Hass gegen Sexarbeitende geht und wie sehr man diese Menschen unsichtbar machen möchte. Wer zu sehr nach den Männern sucht (als Kunde oder Zuhälter, aber komischerweise nicht als Sexarbeiter), wie die Autorin, übersieht ganz offensichtlich die Vielfalt der Frauen (und anderer Geschlechter) in der Sexarbeit und ihrer Perspektiven. Die Autorin hätte sich eine Ausstellung gewünscht, die nur Gewalt zeigt. Dass eine solche Ausstellung Sexarbeitende allerdings auch nur entmenschlicht und sie als Objekte männlicher Gewalt existieren lässt und sonst nichts, sollte hier kritisch reflektiert werden.
Besonders irritierend und irreführend sind für mich die Behauptungen zur Situation in Deutschland sowie zur angeblich so überzeugenden Alternative eines nordischen Verbotsmodells. Ich spare mir eine ausführliche Kritik. Das habe ich schon mehrfach, gerade mit Blick auf Spiegel-Artikel, geschrieben. Ich beschränke mich daher auf zwei Punkte.
Die wissenschaftliche Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes des Kriminologischen Instituts Niedersachsen e. V. (ein 600 Seiten starkes Dokument plus 300 Seiten Gutachten) kommt jedenfalls zu anderen Schlüssen. Umso schwerer wiegt, dass diese Evaluation im Text nicht einmal erwähnt wird – vermutlich absichtlich, vielleicht aber auch aus Unkenntnis. In beiden Fällen disqualifiziert sich die Autorin als geeignete Autorin für das Thema. Die Autorin blendet nicht nur diese Studie, sondern auch einschlägige Forschung zu den zahlreichen Schwächen des von ihr propagierten Verbots aus. Beispielhaft erwähnt sei die Forschung von Niina Vuolajärvi, die an der renommierten London School of Economics tätig ist und möglicherweise weniger Vorurteile hat als die zitierte Theologin Elke Mack: https://www.lse.ac.uk/research/research-for-the-world/politics/criminalising-the-sex-buyer Insgesamt vermittelt die Autorin den Leser*innen kein ausgewogenes, differenziertes Bild, sondern eine einseitige und zudem noch verzerrte Perspektive. Sexarbeit und Sexarbeitende sollen erneut in die Illegalität gedrängt und damit schlechtergestellt werden. Das zu fordern, ist an sich schon respektlos. Das ohne wissenschaftliche Grundlage zu tun, grenzt an Fake News.
Dass sich der Beitrag zudem so nahtlos in die bekannte Kampagne gegen legale Prostitution und für das sogenannte Nordische Modell einfügt, verstärkt meinen äußerst negativen Eindruck. Dass der SPIEGEL und die EMMA zeitgleich und möglicherweise koordiniert vorgehen, wirft erneut die Frage auf, ob und inwiefern die SPIEGEL-Redaktion in Netzwerke der Lobby für das Nordische Modell eingebunden ist, dies nicht offenlegt und damit journalistische Standards verletzt. Beiträge aus den Jahren 2013 („Bordell Deutschland“) und 2023 (“ Vergewaltigt, vergessen, verloren“) weisen hier auf einen deutlichen Trend hin.
Damit meine Entrüstung nicht verloren geht, habe ich den Pressesprecher der Bundeskunsthalle in cc gesetzt.
Mit freundlichen Grüßen
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