von Sonja Dolinsek
Es ist erstaunlich, wie viele Feminist*innen sich mit der Frage beschäftigen, ob Prostitution jemals wirklich freiwillig sein kann. Eine Frage, die – so zentral sie auf den ersten Blick erscheinen mag – letztlich völlig falsch gestellt ist. Denn warum fragt niemand, ob die Ehe je wirklich freiwillig ist? Oder das Frausein? Oder das Kinderkriegen? Diese Themen bleiben weitgehend unhinterfragt, während die Freiwilligkeit bei der Sexarbeit fast obsessiv diskutiert wird.
Dabei lenkt diese Frage vom Wesentlichen ab. Sie verkompliziert etwas, das in der Realität oft ganz klar ist. Statt sich mit den tatsächlichen Erfahrungen von Sexarbeitenden zu beschäftigen, wird eine abstrakte Debatte geführt, die für die meisten Betroffenen schlicht irrelevant ist. Denn diese Gespräche finden meist ohne die Menschen statt, um die es angeblich geht. Warum? Weil Sexarbeitende andere Themen in den Vordergrund stellen würden: Arbeitsrechte, Sicherheit, das Ende der Stigmatisierung. All das wird durch die Frage nach der Freiwilligkeit verdrängt.
Diese Diskussion entmündigt Sexarbeitende, indem sie suggeriert, dass sie nicht aus eigenem Antrieb handeln. Wer so argumentiert, stellt sie wie Kinder dar, die nicht wissen, was sie tun. Und Kinder, so die Logik, darf man bevormunden. Es ist eine Haltung, die tief in patriarchalen Denkmustern verankert ist. Schon immer wurden Frauen zu „unreifen Wesen“ erklärt, um ihnen Rechte zu verweigern. Dass diese Dynamik heute unter feministischen Vorzeichen wiederkehrt, ist mehr als ironisch.
Was diese Debatte noch perfider macht: Es sind nicht nur Außenstehende, die Sexarbeitende entmündigen. Oft sind es auch ehemalige Sexarbeiter*innen, die an diesen Diskussionen teilnehmen. Sie leugnen ihre eigene frühere Selbstwahrnehmung, bereuen ihre Zeit in der Sexarbeit und wollen gesellschaftliche Anerkennung erlangen, indem sie sich offen gegen Prostitution stellen. Doch dabei werfen sie all jene, die weiterhin in der Sexarbeit tätig sind, regelrecht unter den Bus. Ihre Botschaft lautet: „Ich habe es geschafft, ich bin jetzt raus, und deshalb weiß ich, dass das für alle der richtige Weg ist.“ Dass sie damit die Vielfalt der Erfahrungen und Stimmen in der Sexarbeit ignorieren, wird selten hinterfragt.
Gleichzeitig zeigt sich in der Debatte ein bürgerlicher Feminismus, der bequem im eigenen Elfenbeinturm (im Verein oder im Parlament) sitzt. Die Frage nach der Freiwilligkeit wird zu einer Art intellektueller Freizeitbeschäftigung. Währenddessen treten jeden Tag Menschen in die Sexarbeit ein, hören wieder auf oder nehmen ihre Tätigkeit erneut auf. Für sie ist Sexarbeit ein Teil ihres Lebens – nicht das Zentrum einer endlosen theoretischen Diskussion. Während bürgerliche Feminist*innen sich selbstreferenziell mit moralischen Fragen beschäftigen, bleibt die Realität der Betroffenen unsichtbar.
Die Frage nach der Freiwilligkeit lenkt oft von den eigentlichen Problemen ab. Sie verstellt den Blick auf die strukturellen Ungleichheiten und ökonomischen Zwänge, die gerade die sogenannte „Armutsprostitution“ prägen. Statt sich mit den Ursachen von prekären Lebensverhältnissen auseinanderzusetzen, wird ein Schwarz-Weiß-Bild gezeichnet: Sexarbeit sei immer Zwang, immer Ausbeutung. Dabei wird völlig ignoriert, dass die meisten Menschen Jobs ausüben, von denen sie als Kinder nie geträumt haben. Kein Kind wächst mit dem Wunsch auf, Toiletten zu reinigen, Müll zu sortieren oder alte Menschen zu pflegen. Warum also wird der Sexarbeit vorgeworfen, dass sie kein Traumberuf ist?
Die Frage dient vor allem einem Zweck: der Rechtfertigung eines Prostitutionsverbots. Legale Arbeitsorte sollen abgeschafft, die Vergütung für Sexarbeit unterbunden werden. Sex, so die Logik, darf nur unbezahlt stattfinden – egal, wie sehr die Lebensrealitäten der Menschen von Machtverhältnissen durchzogen sind. Die Befürworter*innen dieser Maßnahmen stellen sich eine Welt vor, in der eine Sexarbeiterin, die aus ökonomischer Not heraus arbeitet, plötzlich keinen Sex mehr gegen Geld anbietet. Stattdessen, so suggeriert es ihre Logik, soll diese Person im privaten Rahmen völlig machtfreien Sex haben – Hauptsache, es fließt kein Geld. Diese Vorstellung ist nicht nur absurd, sondern auch gefährlich inkonsequent.
Machtverhältnisse hören nicht an der Grenze zwischen bezahltem und unbezahltem Sex auf. Sie durchziehen auch unbezahlte Beziehungen: in Form von Abhängigkeiten, ökonomischem Druck und geschlechtlichen Rollenzwängen. Die Annahme, dass Sex „rein“ oder „frei“ sei, sobald kein Geld fließt, ist nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Sie romantisiert eine Realität, die es schlicht nicht gibt. Statt Macht zu beseitigen, verlagert ein Prostitutionsverbot sie lediglich in den privaten Raum – und nimmt Sexarbeitenden zugleich jede rechtliche Absicherung.
Das eigentliche Ziel dieser Debatte ist, den Status quo aufrechtzuerhalten. Anstatt über bessere Arbeitsrechte, fairere Bedingungen und die Bekämpfung von Stigmatisierung zu sprechen, wird eine moralische Diskussion geführt, die niemandem nützt. Denn unabhängig davon, wie unangenehm eine Arbeit sein mag, bleibt die zentrale Frage immer, wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können. Wenn jemand Sexarbeit aus Not ausübt, ist das kein Argument gegen Arbeitsrechte – es ist eines für stärkeren Schutz, bessere Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung.
Die zentrale Frage sollte also nicht sein, ob Prostitution je freiwillig sein kann. Diese Diskussion ist ein Hobby bürgerlicher Nicht-Betroffener, die sich den Luxus leisten, über das Leben anderer zu urteilen. Viel wichtiger ist die Frage: Wie kann Sexarbeit so reguliert werden, dass diejenigen, die sie ausüben, tatsächlich davon profitieren? Für manche mag das heißen, aus der Sexarbeit auszusteigen und Alternativen zu finden. Für andere bedeutet es, ihre Arbeit sicherer und würdevoller zu machen.
Und selbst wenn wir versuchen, die Frage zu beantworten, was gewinnen wir dadurch? Sagen wir „Ja“, Prostitution kann freiwillig sein, dann stehen wir vor der Aufgabe, uns endlich ernsthaft mit den Arbeitsbedingungen und Rechten von Sexarbeitenden auseinanderzusetzen. Antworten wir jedoch mit „Nein“, dann öffnen wir eine völlig andere Diskussion: Was bedeutet es, erwachsenen Menschen ihre Mündigkeit in Bezug auf ihr Sexualverhalten abzusprechen? Sollen wir sie rechtlich entmündigen? Sollen alle, die Sexarbeit ausüben, in eine psychiatrische Behandlung geschickt werden? Solche Vorstellungen sind offensichtlich absurd. Ein Verbot, Sexarbeit zu bezahlen, wird die Praxis selbst ohnehin nicht beseitigen – das zeigen uns die Erfahrungen aus anderen Ländern. Es würde nur verhindern, dass wir weiter über Arbeitsbedingungen sprechen und diese regeln können. Das scheint also keine Lösung zu sein.
Hinzu kommt, dass die Antwort auf die Frage immer differenziert ausfallen wird. Zwang und Freiwilligkeit sind keine Gegensätze, sondern bewegen sich auf einem Kontinuum. Um hier Fortschritte zu erzielen, braucht es einen differenzierten Ansatz, der die Realität der Betroffenen anerkennt. Wir müssen über Arbeitsbedingungen und soziale Realitäten sprechen – idealerweise mit Sexarbeitenden selbst. Die grundsätzliche Frage nach der Freiwilligkeit zu stellen, wirkt in diesem Zusammenhang wie eine Verzögerungstaktik. Sie lenkt von den echten Problemen ab und erweckt den Eindruck, dass diese verschwinden würden, wenn man Prostitution einfach verbietet. Doch das ist eine Illusion – sie wird nicht verschwinden.
Es ist höchste Zeit, den Fokus zu verschieben – weg von sinnlosen Debatten, hin zu echten Lösungen. Sexarbeitende sollten selbst bestimmen, wie ihre Arbeit gestaltet wird. Alles andere ist nichts weiter als die altbekannte Bevormundung – nur diesmal im modernen feministischen Gewand.
Sexarbeit ist genauso freiwillig bzw. unfreiwillig, wie jede andere Handlung, die wir in einer machtdurchdrungenen Gesellschaft ausüben. Dabei stellt sich mir auch die Frage:
Wie freiwillig ist es eigentlich, gegen Prostitution zu sein? Wird nicht im Kampf gegen Prostitution eine althergebrachte Haltung sichtbar, durch die Frauen den Männern zeigen, dass sie keine Schlampen sind?
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