Leidens-Porno bei 37° Grad

Kommentar zur Sendung “Prostitution: Wie Vivien und Christina den Weg aus dem Milieu finden I 37 Grad” 

von Jay Stark

Die deutsche Berichterstattung über Prostitution erinnert mich immer wieder an Torture-Porn. 

Screenshot einer Szene aus der Doku.

Dieses Subgenre des Horrorfilms[1] inszeniert in Werken wie Hostel oder Human Centipede menschliches Leid in expliziten Darstellungen. Dabei wird kein Bösewicht bestraft und kein Vergehen gerächt – Torture-Porn zeigt Gewalt um der Gewalt willen.

Das Genre ist mir so präsent, weil ich im Studium einen Vortrag darüber halten durfte (und einen Teil meiner Seele verlor, als ich Human Centipede 2 ansah). Als mir dann die neueste Prostitutions-Doku von 37° Grad in den YouTube-Feed gespült wurde, fühlte ich mich in das vierte Semester zurückversetzt.

Zwei Schicksale

Das Doku-Team um die Filmschaffende Annette Lönne zeigt zwei junge Frauen, die beide Sex gegen Geld tauschten.

Vivien fing neben ihrem FSJ aus Geldmangel als Escort an. Sie wollte sich endlich mehr leisten können und sah im Paysex eine „einfache Einnahmequelle“. Doch bald, so beschreibt sie es gleich danach, überschritt sie körperlich und emotional ihre Grenzen.

Christina erlebte einen anderen Bereich – den der Straßen, Privatapartments, Laufhäuser, Bordelle und Sauna-Clubs mit „mindestens 20 bis 35 Kunden“ pro Tag. Der Job ist für sie „der schlimmste Job auf Erden“.

Je mehr wir von Christina erfahren, desto verständlicher wird ihre Meinung – und dass sie hier nicht von Sexarbeit, sondern von sexueller Ausbeutung spricht. Nach einer traumatischen Kindheit wurde sie an einen Zuhälter verkauft und über Jahre zum Sex gezwungen.

Auf der Suche nach Nuancen

Diese Unterscheidung macht die Doku jedoch nie auf. Stattdessen schildern die Protagonistinnen ihre schlimmen Erfahrungen, ergänzt durch moralisch gefärbte Aussagen des Kriminaloberrats Helmut Sporer, ohne diese einzuordnen. Zwar räumt Christina ein, dass es vermutlich freiwillige Prostitution geben könne, aber auf keinen Fall in dem Bereich, in dem sie tätig war.

Anstatt jedoch mit solchen Sexarbeitenden zu sprechen, lässt die Filmschaffende diese sowie andere menschenverachtende Aussagen von Vivien unkommentiert stehen. Vivien wechselte vom Escort in den dominanten Bereich. Ihre Kunden bezeichnet sie in der Doku als „ekelhaft“ und „psychisch gestört“. Als Beispiel nennt sie Natursektspiele, die bei Menschen, die mit der BDSM-Community vertraut sind, höchstens ein Schulterzucken und ein „not my kink“ hervorrufen.

Das Ergebnis ist ein Porträt zweier Leidensgeschichten, das keinerlei Anspruch an sich als journalistisches Format hat, außer dieses Leiden zur Schau zu stellen – Torture-Porn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Ein Blick in die Langfassung in der ZDF-Mediathek zeigt zumindest ihren Heilungsweg. Hier offenbart sich auch, welche moralischen Vorannahmen die Filmschaffende bei der Auswahl der Protagonistinnen getroffen hat.

So ist Vivien inzwischen bei Sisters e.V. aktiv, einem Verein, der ehrenamtlich Frauen hilft, einen Weg aus Ausbeutung und Zwang zu finden. Für Sisters e.V. ist Sexarbeit jedoch an sich ein Problem – Raum für Nuancen bleibt keiner.

Als Christina beispielsweise berichtet, wie die EU-Osterweiterung dazu geführt hat, dass die Preise für sexuelle Dienstleistungen in Bordellen und Clubs stark gefallen sind, wird das Problem in der Prostitution an sich gesucht – nicht etwa in den Arbeitsbedingungen. Helmut Sporer spricht vom „Kauf eines Menschen zur sexuellen Befriedigung“ und vermischt dabei Menschenhandel und selbstbestimmte Sexarbeit.

Ein Narrativ, das dem Leidens-Porno sehr zuträglich ist. Ebenso wie Torture-Porn-Filme durch extreme Darstellungen für Aufsehen sorgen, bringen die Geschichten der Protagonistinnen natürlich mehr Klicks als eine nuancierte Berichterstattung, in der verschiedene Sexarbeitende zu Wort kommen.

An sich wäre das meiner Meinung nach kein Problem – wenn es nicht unter dem Deckmantel des Journalismus laufen würde.

Journalismus vs. Sensationslust

Dass ein solcher Bericht vom ZDF selbst als Dokumentation bezeichnet wird, halte ich für äußerst problematisch. Regisseurin Annette Lönne sowie Redakteurin Rita Döbbe und die Produzenten Steffen Heinemann und Marion Kempe verlieren sich im Leid der Protagonistinnen und vergessen dabei ganz den journalistischen Auftrag, den das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer noch hat.

Umfassende und ausgewogene Informationen scheinen der Sensationslust zu weichen. Da passt das Hashtag #StoryOfMyLife, das sich auf YouTube unter der Kurzfassung findet, besser zu dem, was die Filmschaffenden produziert haben.

Wobei mich bei einem Projekt, das Ausbeutung als Prostitution betitelt, dieser lockere Umgang mit Begrifflichkeiten wenig überrascht.

Zurück bleibt Frust, Enttäuschung und die Frage, wie oder ob sich Medienschaffende, die sich journalistisch betätigen, noch erreichen lassen.

Und Freude für Christina und Vivien, die glücklicherweise einen Weg aus einer Lebenslage gefunden haben, die ihnen so zugesetzt hat. 

_______

[1] Steffen Hantke (Hrsg.): American Horror Film: The Genre at the Turn of the Millennium. University Press of Mississippi, 2010, S. 36ff.

Antwort

  1. Avatar von Hans - Peter Bischof

    Der Bericht von Frau Stark ist beeindruckend . . . hiervon sollte sich die “ sogenannte Presse “ ein Beispiel nehmen. Nicht nur einfach aus Sensationslust berichten, sondern aus allen Blickwinkeln den Sachverhalt betrachten . . .

    Hans-Peter Bischof

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